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Ein Unfall – ein Anlass
bunte_steinchen
Hergang – ein Tatsachenbericht


Mir ist am Samstag, 24. August 2013 in der Südostverschneidung an der Fleischbank im Wilden Kaiser in der 3. Seillänge ein etwa spülmaschinengroßer Felsbrocken ausgebrochen und beim Sturz auf den rechten Unterschenkel gefallen. Ich musste die Tour abbrechen, weil die Schmerzen bei Belastung der Zehen zu groß waren und die betroffene Stelle am Bein sofort dick angeschwollen war und ziemlich stark blutete und mich im nahegelegenen Krankenhaus von Sankt Johann untersuchen lassen. Glücklicherweise konnte man dort aber außer einer schweren Muskelprellung nichts finden und nur die beim Zusammenprall mit dem Felsblock entstandene Platzwunde musste mit einigen Stichen genäht werden, sodass ich mich nun aus biologischen und versicherungstechnischen Gründen, wie die Ärtzin im Sankt Johanner Spital betonte, 10 Tage lang sportlich nicht betätigen darf, bis alles verheilt ist und die Fäden gezogen werden können.

Schlimmer als mich zog der Felsbrocken die uns folgende Seilschaft in Mitleidenschaft. Er schoss geradewegs auf den am 1. Stand stehenden Vorsteiger zu, den er erschlagen hätte, wenn dieser sich nicht geistesgegenwärtig geduckt und gegen die Feldwand gedrückt hätte. Seinen rechten Fuß aber erwischte der Felsblock doch noch und dieser sah schlimm aus – trotz Kletterschuh zerschürft, blutend, vor allem aber vom Blut rot und blau unterlaufen und dick angeschwollen, sodass wir sofort dachten, dass er sicher gebrochen, ja vielleicht sogar zertrümmert sei. Im Krankenhaus von Sankt Johann sah ich ihn wieder und erfuhr von ihm, dass wahrscheinlich nichts gebrochen sei – mehr Zeit hatten wir nicht, uns zu unterhalten, denn als ich in der dortigen Notaufnahme anlangte, wurde er gerade weggefahren. Inzwischen weiß ich von seinem Begleiter, dass der Mittelfußknochen gebrochen sein solle.

Ich und mein Partner Ch. seilten sofort zu ihm ab und ließen ihn, der auch Ch. heißt, und seinen unverletzten Partner K. mit unserem Seil ab, da ihr Seil durch die Felstrümmer zerstückt worden war. In der Zwischenzeit hatte ein Wanderer, von denen die Steinerne Rinne stets nur so wimmelt, die Rettung gerufen. Überraschend schnell tauchte der Hubschrauber auf, suchte uns allerdings zuerst am falschen Berg, weil der Wanderer nicht wusste, an welchem Berg wir uns befänden und setzte einen Notarzt ab, der Ch. und mich behelfsmäßig untersuchte und verband. Ch. wurde anschließend ins Krankenhaus geflogen; ich war der Meinung, dass ich gehen könne und nicht ausgeflogen werden müsse. Der Notarzt beharrte aber darauf, dass auch ich mich untersuchen und mich gegen Tetanus impfen ließe und dass die Wunde genäht werden müsse. K. sammelte dann die Reste ihres Seiles auf, während Ch. und ich zum Rucksack am Ellmauer Tor aufstiegen und uns dort zum Wandern umzogen. Zu dritt stiegen wir in die Wochenbrunner Alm zum Auto ab und fuhren schließlich zusammen ins Krankenhaus nach Sankt Johann.


Gedanken – zugleich, nachher, vorher


Der erste Gedanke galt dem nicht ganz vertrauenswürdigen geschlagenen Haken, an dem ich mich eben gerade eingehängt hatte, als ich den gut oberkörpergroßen Felsbrocken waagrecht herauszog und mit ihm zusammen vielleicht 2 bis 3m stürzte, ehe ich mich in einer Schraub- bzw. Drehbewegung von ihm löste. Der erste Gedanke galt dem nicht ganz vertrauenswürdigen geschlagenen Haken, weil ich 10 bis 15m über dem Stand kletterte und bis dahin noch keine Sicherung gefunden oder gelegt hatte und also 20 bis 30m gestürzt wäre, wenn er nicht gehalten hätte. „Wird er meinen Sturz halten?“

Der zweite Gedanke galt der uns nachfolgenden Seilschaft und da dem Mann am Stand, der sich geradewegs in der Falllinie des von mir ausgelösten splitternden Geschosses befand. Noch im Sturz blickte ich ihm nach und zu dem Mann am Stand hinunter und schrie aus Leibeskräften „Stein!“. Unsere Blicke berührten sich und ich konnte sehen, er sich zugleich an die Wand duckte.

Dass mich der Stein am Unterschenkel getroffen hatte, darauf machte mich erst mein Partner aufmerksam. Dass ich verletzt war, nahm ich nicht sofort wahr. Und wegen eines Sturzes von ein paar Metern, ein bisschen Schmerzen und ein wenig Blut gebe ich nicht gleich auf, kehre ich nicht gleich um, im Gegeneteil, auf geht’s,weiter geht’s. Es war nicht sofort klar, dass ich nicht mehr weiterklettern würde, erst der Hinweis meines Partners, dann die Schmerzen beim Auftreten mit den Zehen an der Wand und schließlich vor allem der Blick auf den sofort dick angeschwollenen und blutüberströmten Unterschenkel bewogen mich dazu, zu meinem Partner abzuklettern, erst als ich das sah und das sah alles andere als gut aus, begann ich etwas unsicher und nervös zu werden. Auch die panischen Hilfeschreie des am Fuß getroffenen Mannes am Stand unter uns förderten wesentlich mein unsicheres und nervöses Zittern und meinen Entschluss aufzuhören, umzukehren.

Diese Reaktion scheint mir ganz natürlich zu sein. Nach einem Sturz klettere ich eigentlich immer sofort weiter, wenn ich mich nicht bewusst irgendwo gestoßen habe. Sehr oft muss ich dann aber bloß ein paar Züge weiter rasten, weil erst da, mit einiger Verspätung, die Reaktion meiner Seele und meines Leibes, ihr „Furcht und Zittern“ auf das folgt, was mein Bewusstsein und mein Verstand als „Nichts passiert!“ abgetan hatten. Diese Unbeirrbarkeit, um nicht zu sagen: Verweigerung der Ratio gegenüber der Emotion, gegenüber dem Ganzen des Menschseins und der anschließende psycho-physische Kollaps scheinen mir ganz natürlich zu sein. (Allerdings gehört es auch zum Menschsein und ganz besonders auch zum Bergsteigersein, aus diesem körperlich-seelischen Zusammenbruch wieder herauszukommen, das innere und äußere Gleichgewicht wieder zu erlangen, um wieder (mit beiden Füßen, wie man sagt) auf den Boden der Wirklichkeit zu stehen zu kommen und wieder handlungsfähig zu werden.)


Wie habe ich mich unmittelbar danach gefühlt? Anschließend folgte eine Reihe selbstloser Taten, Handlungen, welche die Lage forderte, welche keine Rücksicht auf mich selbst zuließen, d. h. mein sofortiges Abseilen zum Verletzten und sein sofortiges Ablassen zum Wandfuß, wo er vom Hubschrauber geborgen werden konnte. So selbstlos diese Taten auch waren, so machte ich mir doch unentwegt Gedanken darüber, wie ich mich dem Verletzten gegenüber verhalten sollte, welches Verhältnis ich ihm gegenüber hatte, denn ich hatte den Stein ausgelöst, ich war schuld, auch wenn die Größe des Steins dafür sprach, dass ich wirklich nichts dafür konnte, dass niemand, auch der erfahrenste Bergsteiger nicht hätte ahnen können, dass so ein großer Stein ausbräche.

Ich hatte eigentlich nie Schuldgefühle. Ich tat nach dem Unfall, was getan werden musste und das nicht aus einem schlechten Gewissen heraus, sondern weil es der Situation adäquat war. Ich hätte aber durchaus verstanden, wenn der am meisten Geschädigte und sein Partner mich offen beschuldigt hätten oder mir auch einfach nur wortlos-aggressiv begegnet wären. Ich ertappte mich sogar zuweilen dabei, dass ich so etwas erwartete, also hatte ich doch ein bisschen Schuldgefühle.

Ich machte mir und mache mir bis heute eher Gedanken darüber, ob wir uns mit dieser Route nicht grundsätzlich überschätzt, überhoben haben, aber im Grunde versuche ich bei aller Furcht und allem Respekt vor den Gefahren im Gebirge und beim Klettern immer eher mehr zu wagen, als ich kann, täte ich das nicht, kletterte ich nicht auf diesem doch eher überdurchschnittlichen Niveau und wäre ich nicht zufrieden mit meinen Leistungen. Hin und wieder eine Genusstour mit jemandem zur Entspannung unternehme ich sehr gerne, aber dann muss ich mich auch wieder Anstrengungen und Entbehrungen aussetzten, an meine Grenzen gehen, wie man sagt, um mich zu fühlen, wahrzunehmen. Das ist kein falscher Ehrgeiz, der sich aus einem Außerhalb von mir selbst speist, ich bin weder von Geltungssucht getrieben, noch will ich mit meinen Ergebnissen unter Freunden und Bekannten angeben, es handelt sich bei mir vielmehr um einen Ehrgeiz, mit dem ich mit mir selbst experimentiere, mich selbst ausprobiere und mit dem ich in einem bestimmten Bereich, der nicht zufällig ist, sondern wesentlich zu mir gehört, meine eigenen Grenzen zu setzten, zu verschieben und zu erfahren versuche. Wir sind nur das, was wir mit uns anzufangen, zu tun wissen. Wir müssen uns, so meine ich, so gut und so breit und so tief wir können, in die Waagschale des Lebens werfen. Das hat nichts mit Fatalismus zu tun, denn ich will dabei sein, wenn ich tue, was ich tue. Natürlich war ich die ganze Woche über in höchst banger Erwartung vor dieser bekanntermaßen schweren Tour, machte gefühlsmäßig hin und her, hatte meine seelischen Aufs und Abs, aber das ist ausnahmslos immer so, würde ich diesen psycho-physischen Oszillationen Gehör schenken, so würde ich überhaupt nie auf Tour gehen und auf Tour habe ich immer Toilettenpapier dabei, weil ich immer noch mindestens ein- bis zweimal hinter einen Stein muss, ehe ich in eine Route einsteigen kann.

Ein weiterer, ständig wiederkehrender und nicht selbstloser Gedanke inmitten selbstloser Taten war der, dass ich mir immerfort überlegte, wie ich mich der Rettung gegenüber geben sollte, dem Notarzt und dem Hubschrauber gegenüber, wie verletzt ich war, wie verletzt ich tatsächlich war, ob ich mitfliegen sollte, ob ich Ch., meinen Partner, allein zurücklassen musste oder nicht. Ich prüfte ständige meine Schmerzen, um entscheiden zu können, wie verletzt ich war, wie verletzt ich wirklich war, wie verletzt ich mich geben wollte, dem Notarzt und der Rettung gegenüber. Unter höchster mentaler und emotionaler Anspannung und inmitten streng zielorientierten Handelns spielt man doch Theater – das denke ich jetzt und dieser Gedanke begleitete mich schon damals dort an Ort und Stelle. Manchmal denke ich, dass das auch ein bisschen berufsbedingt sein und vielleicht bei Lehrern besonders ausgeprägt auftreten könnte: Wir schwanken als Lehrer doch ständig hin und her zwischen einer Rolle, die wir so gut wie möglich spielen, und dem, was wir mit uns selbst identisch, fühlen und denken, also vor der Selbstdistanzierung, ohne Dazwischentreten der Reflexion, vor dem Auftritt eines Zuschauers, Zuhörers, Kommunikationspartners, aber vielleicht schwanken wir ja alle so hin und her zwischen Ironie, Satire, Zynismus, Sarkasmus, Parodie, Persiflage und Heuchelei auf der einen und Authentizität auf der anderen Seite, ein Begriff, der eine Zeit lang gut klang und in gewissen Kreisen immer noch in Mode ist, ein zivilisierter, kultivierter und gebildeter Mensch tut wohl kaum etwas, ohne dass nicht ständig in der Dämmerung seines Bewusstseins die Bühne, auf der er steht und handelt und die Tribüne, aus deren Dunkel heraus er beobachtet und beurteilt wird, mitläuft.


Wie fühle ich mich jetzt? Das Schlimmste für mich die ganze Zeit über bis jetzt ist im Grunde, dass ich irgendwie keine Verbindung zwischen mir und diesem Ereignis herzustellen vermag. Ich frage mich nicht (und ich fragte mich das auch bisher in keinem Augenblick), warum ausgerechnet mir das widerfahren musste, ich verspüre nicht das geringste Bedürfnis, mich mich über mein Schicksal zu beklagen, mit mir selbst zu hadern, mich selbst zu bemitleiden, ich frage mich vielmehr, was das Ganze überhaupt mit mir zu tun hat. Wir haben nichts falsch gemacht, wir haben alles richtig gemacht, es ist auch kaum etwas passiert, dem anderen nicht und mir schon gar nicht, also, was will mir das Ganze dann eigentlich sagen? Es handelt sich nicht um einen Schicksalsschlag – auf keinen Fall! Will es mir überhaupt etwas sagen oder ist hier nur wieder einer von diesen notorischen menschlichen Sinnstiftungszwängen am Werk? Muss ich es wirklich als Fingerzeig auffassen? Ist dafür nicht viel zu wenig passiert oder muss ich es gerade deshalb ernst nehmen? Oder bin ich gerade daran, hier und jetzt, den Unfall ernst zu nehmen, indem ich die Freizeit, die er mir schenkt, nütze, um all das zu schreiben? Ist das zu viel, zu wenig oder gerade genug? Ich klopfe an, aber es wird mir nicht aufgetan. Nein, eigentlich komme ich gar nicht zum Anklopfen, denn bevor ich überhaupt die Hand dazu erhebe, weicht die Tür davor zurück. Ja, statt die angemessenen und richtigen Fragen formulieren zu können, statt Raum und Zeit dafür zu finden, schieben sich mir ständig so läppische und unfruchtbare Sorgen davor wie diejenige, dass ich nun mindestens 10 Tage nicht klettern darf, dass ich also aus meiner gerade guten körperlichen und geistigen Form die ich aus der Brenta mitgebracht und aus dem Training gerate, dass ich nun nicht mit meinen Freunden A. und Ch. zusammen im Berner Oberland den Mittellegigrat Integral machen kann, dass ich nun nicht mit der tollen A. Anfang September wieder auf Tour gehen kann. So bleibt mir bislang das ganze Ereignis unnahbar und fremd.

Ich frage mich, ob ich (und andere) das Ereignis nicht überbewerte. Ich frage mich oft (nicht erst im Zusammenhang mit dem Unfall), warum wir eigentlich immer viel über Unfälle, Verbrechen und Katastrophen nachdenken, über außergewöhnliche Ereignisse, über die Ausnahmen also, statt über das Eintönige, Regelmäßige, Fortwährende, über das nämlich, was uns am Ende mindestens ebenso wahrscheinlich (angesichts des Todes von Wahrscheinlichkeit zu sprechen, ist allerdings absurd) kaputt macht wie die vereinzelten und verstreuten, einmaligen, unvermittelten, überraschenden und überfallartigen und damit irgendwie auffälligen, mehr oder weniger heftigen Hammerschläge? Liegt es daran, dass sie dem Tode ähnlicher sehen als das Alltägliche, Gewöhnliche, Normale? Aber was sähe denn dem Tode ähnlich?